Als ich im Jahre 2007 die Stiftung gründete, konnte man bereits die Anfänge eines fundamentalen Wandels in allen Bereichen der Filmkunst durch die Digitalisierung beobachten. Nicht nur die Produktion von Filmen sondern auch ihre weltweite Distribution hatten ihre altbewährten analogen Techniken verlassen und befanden sich auf dem Weg in ein neues Medienzeitalter. Für mich als alten Filmhasen war damit klar geworden, dass Tausende von kulturprägenden Werken der Film- und Kinogeschichte in die Gefahr geraten, vergessen zu werden. Da galt es, schnell zu handeln und eine Institution zu gründen, die sich um den Fortbestand der Filmkunst kümmert. Natürlich dachte ich dabei auch an meine Filme, die eine turbulente Geschichte von über 40 Jahren bezeugten und darauf angewiesen waren, in Zukunft als Teil einer kontinuierlich gewachsenen Filmgeschichte verstanden zu werden. Konkret ging es nicht nur um die bekannte HEIMAT-Saga, die weltweite Verbreitung gefunden hatte, sondern auch um meine frühen Kinofilme, Kurz- und Experimentalfilme, Fernsehdokumentationen und filmische Essays. Ein berühmter Satz des Philosophie-Klassikers Aristoteles sagt, „das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Teile“. In diesem Sinne sollte unsere Filmstiftung tätig werden und so ist auch der Gründungssatz in unserer Satzung gemeint, wenn von meinem „Lebenswerk“ die Rede ist, das „dauerhaft gesichert und gepflegt werden soll.“
Was ist dieses „Ganze“? Für mich war die Filmkunst immer eine neue Kunstgattung des technisch-industriellen Zeitalters. Mehr als alle klassischen Künste – wie die Musik, die Malerei oder die Dichtung – ist die Filmkunst in der Lage, das Leben der modernen Menschheit und ihrer Erfahrungen abzubilden und die Zeit zu beschreiben, in der wir leben und versuchen glücklich zu werden. Die Filmkunst ist dabei in besonderem Maße fähig, uns in einer immer komplexeren Welt zu orientieren und unsere Erinnerungen aufzubewahren oder kreativ zu nutzen. Dieser gedankliche Ansatz ist im Satzungszweck unserer Stiftung verankert und sollte niemals anderen Interessen geopfert werden.
Ich wünsche der EDGAR-REITZ-FILMSTIFTUNG gutes Gelingen, nicht nur bei der Pflege meines Gesamtwerkes, sondern auch bei der Verbreitung von Filmbildung und der Förderung von Filmprojekten, die das Land Rheinland-Pfalz, seine Menschen, ihre Kultur und ihre Geschichte zum Gegenstand haben.
Edgar Reitz

